Mit Nike im Café, Teil 2 – Figurenentwicklung

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Heute kommt der zweite Teil des Interviews mit meiner neuen Hauptfigur Nike Altmann.
Den ersten Teil könnt ihr hier noch einmal nachlesen.
Zur Erinnerung: Wir sitzen immer noch in der Oberstadt im Café, trinken beide einen Cappuccino und schauen ab und zu aus dem Fenster auf die vorbeieilenden Passanten. Draußen ist es bewölkt – vielleicht sind die Menschen deshalb so grimmig unterwegs.

Nike, in welche Gesellschaftsschicht wurdest du hineingeboren?

Mein Vater war Lehrer am Gymnasium und unterrichtete Geschichte und Sport. Daher auch die glorreichen Namen für seine Zwillingstöchter: Nike und Victoria, die Göttinnen des Sieges. Nike griechisch, Victoria römisch. Leider waren damit auch bestimmte Erwartungen verknüpft, die wir aber beide nicht wirklich erfüllt haben.
Meine Mutter war Postbeamtin und hatte das Glück, nach der Privatisierung dort bleiben zu können.
Wir wuchsen also in einem Beamtenhaushalt mit geregeltem Einkommen auf. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich mit einem Polizeibeamten verheiratet bin!

Wie groß ist deine Familie?

Zu meiner Kernfamilie gehören mein siebzehnjähriger Sohn Malte und mein Mann Lukas. Wir haben erst geheiratet, als Malte schon in den Kindergarten ging und endlich einer von uns einen festen Job hatte.
Dann sind da noch meine Eltern, beide Mitte siebzig, und meine Zwillingsschwester. Vic wohnt in der Nachbarschaft unserer Eltern, ich habe ein paar Kilometer Distanz zwischen uns gelegt. Meine Eltern haben eine symbiotische Beziehung, keiner kann ohne den anderen, man trifft sie kaum allein an. Manchmal frage ich mich, ob sie auch zusammen aufs Klo gehen, wenn niemand da ist.
Mir ist das viel zu eng, ich bekomme keine Luft mehr, wenn ich zu lange mit ihnen zusammen bin. Vic kommt damit besser klar. Für sie ist es am wichtigsten, dass sich so wenig wie möglich ändert. Und da unsere Eltern schon immer so waren, ist es für sie okay.
Unsere Großmutter ist vor zwei Jahren gestorben. Sie ist 96 geworden!
Dann haben wir noch drei Cousins, die Söhne der Schwester unserer Mutter. Aber die leben an der Nordsee und wir haben so gut wie keinen Kontakt miteinander.

Was bedeutet dir Familie?

Der Begriff »Familie« kann so viel beinhalten: Die Herkunftsfamilie mit Eltern und Geschwistern, aber auch die eigenen Kinder und der Partner oder die Partnerin.
Aber auch Freunde können eine Familie sein und sind manchmal sogar wichtiger und vertrauter, weil es sich um selbst gewählte Beziehungen handelt.
Aber das wird jetzt philosophisch, fürchte ich (zwinkert).
Familie ist für mich jedenfalls das Wichtigste neben Gesundheit. Und manchmal kommt man eben erst später – oder zu spät – darauf, was man an seiner Familie hat.

Wer war deine Bezugsperson als Kind?

Oh, diese Frage ist für Zwillinge einfach zu beantworten (lacht)!
Immerhin habe ich mir den Mutterbauch mit Vic teilen müssen, sie war also schon da, bevor unsere Mutter richtig in unser Leben trat!

Welche ist deine glücklichste Kindheitserinnerung?

Wenn ich zurückblicke, fallen mir viele glückliche Situationen ein.
Der Urlaub auf dem schleswig-holsteinischen Bauernhof zum Beispiel, bei dem meine Schwester auf einem gefleckten Hausschwein geritten ist. Oder die Abende, die wir bei unserer Großmutter hinterm Haus auf der Bank verbracht haben, um Bohnen zu schnippeln oder Kirschen zu entkernen.
Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann spielen all die schönen und glücklichen Kindheitserinnerungen im Sommer. Das ist dann wohl meine Jahreszeit!

Hast du einen besten Freund, eine beste Freundin? 

Tina ist meine beste Freundin, aber sie ist vor acht Jahren mit ihrem jetzigen Mann ins Allgäu gezogen, sodass wir uns nicht mehr so häufig sehen wie früher. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, wir haben uns in der Oberstufe kennengelernt und hatten an der Uni einige Vorlesungen zusammen. Sie hat dann aber ihr Studium abgebrochen und eine Ausbildung zur Landwirtin gemacht. Insofern passt sie also super ins Allgäu!

Wie sieht dein übriger Freundeskreis aus?

Lukas und ich haben viele gemeinsame Freunde, die sich im Laufe der vielen Jahre, die wir zusammen sind, zusammengefunden haben. Mit Doro und Henning sind wir bis vor ein paar Jahren regelmäßig nach Holland gefahren, aber seit sie ihre drei kleinen Kinder haben, hat sich das ein wenig verlaufen. Klara kenne ich noch vom Hundeverein und sie ist, seit Tina weggezogen ist, meine engste Vertraute. Sie kommt gern unerwartet vorbei und ist manchmal nicht da, wenn wir verabredet sind.

Was ist dir bei deinen Freunden wichtig?

Offenheit und Ehrlichkeit. Und dass wir füreinander da sind. Das obligatorische Haustüröffnen, wenn ich nachts um drei dort klingele. Aber ich will nicht einfach nur Gutes von meinen Freunden hören, sondern sie sollen ehrlich sein. Und wenn ich Mist gebaut oder etwas Blödes gesagt habe, sollen sie mir das direkt sagen, damit ich darauf reagieren kann. Das Schlimmste für mich ist, wenn man hintenrum über andere spricht, statt sie direkt auf ihre Fehler aufmerksam zu machen.

Was magst du bei anderen überhaupt nicht?

Das passt ja schon zu der anderen Frage: Mit Unehrlichkeit kann ich nichts anfangen. Aber glücklicherweise funktionieren meine Sensoren diesbezüglich ganz gut und ich merke es recht schnell, wenn Menschen nicht authentisch sind und mir etwas vorspielen. Das kommt mir schließlich auch im Beruf zugute.

Magst du Haustiere? 

Bis vor ein paar Jahren hatte ich einen kleinen Mischlingshund. Nach Bertis Tod habe ich mich gegen einen neuen entschieden, hauptsächlich aus Zeitgründen. Aber ich weiß noch nicht, ob ich nicht doch eines Tages noch mal einen haben werde. Mal schauen!

Der dritte und letzte Teil des Interviews geht in den nächsten Tagen online. Wenn ihr nichts verpassen wollt, könnt ihr gern meinen Blog abonnieren – und ihr könnt euch schon mal für meinen Newsletter eintragen, denn da wird es noch in diesem Jahr eine Überraschung geben (aber die behalte ich natürlich vorerst für mich, es ist ein kleines Weihnachtsgeschenk, und … ach, ich bin jetzt still, damit ich mich nicht verplappere!)

Teil 1 findet ihr hier: Darf ich vorstellen? Nike Altmann!
Teil 3 könnt ihr hier nachlesen: Plaudern mit Nike – Teil 3

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Wenn ich meine Figuren zum Kaffee einlade …

Autorenchallenges im Social Media

Kaffee, Filter Kaffee, Cookies, CafeWer wie ich viel bei Twitter oder Facebook unterwegs ist, stößt alle Nas‘ lang auf andere Challenges.
Im Mai wurden unter dem Hashtag #Autorinnenzeit Bücher von Frauen vorgestellt, im Januar und im August gab es den #Autorenwahnsinn mit Fragen rund ums Schreiben für jeden Tag des Monats.
Den Autorenwahnsinn im August habe ich hier im Blog zwar begonnen, aber nicht zu Ende geführt. Dafür habe ich mich bei Twitter an der Aktion beteiligt, weil das einfacher war. 140 Zeichen sind am Handy schnell getippt.

Characters of september

Bei Nike Leonhard habe ich letztens die Challenge #Charactersofseptember entdeckt. Das sind insgesamt 30 Fragen an eine Figur aus einem unserer Romane.
Für mich kommt diese Challenge zur rechten Zeit, weil ich ja aktuell an der Entwicklung neuer Siegen-Krimis arbeite. Da es sich um eine Reihe handelt, muss ich natürlich die Figuren im Vorfeld gut ausarbeiten. Dazu muss ich ihre Stärken und Schwächen kennen lernen, sie brauchen Entwicklungspotenzial, Probleme und Widersacher, vor allem aber auch Freunde und Unterstützer, Wünsche und Sehnsüchte.
Deshalb habe ich meine Hauptfigur Nike Altmann (das ist wirklich ein Zufall, ich schwör‘!), eine psychologische Psychotherapeutin, zu einem Kaffee in die Oberstadt eingeladen. Daraus hat sich dann ein für mich sehr spannendes Interview entwickelt, das ich euch in den nächsten Tagen hier zeigen werde.

Mit den Figuren im Dialog

Wer schon auf Lesungen von mir war, kennt meine Neigung, mit meinen Figuren „Kaffee trinken zu gehen“.
Das mache ich beinahe bei jedem meiner Bücher, weil es mir hilft, mich den Figuren zu nähern. Und dieses „Kaffeetrinken“ findet nicht nur in meinem Kopf am Schreibtisch statt, sondern ich nehme dazu wirklich eine andere Haltung ein (zum Beispiel auf dem Sofa) und rede ganz normal mit der Person, als würde sie direkt vor mir sitzen. Häufig nehme ich meine Fragen und ihre Antworten auch auf und höre es mir später an.
Das klingt für jemanden, der nicht schreibt, vielleicht ein bisschen gaga, aber mir hilft es, mich besser in die Figuren hineinzuversetzen. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich das auch wirklich nur mache, wenn ich ganz allein zu Hause bin – immerhin möchte ich von meiner Familie noch ernst genommen werden! 😀
Davon erzähle ich auch auf Lesungen immer gern und ernte damit sehr unterschiedliche, in der Regel aber überraschte, erstaunte oder amüsierte Reaktionen.

Ihr könnt euch also auf ein interessantes Interview mit Nike Altmann* freuen!

(* das ist ihr aktueller Name, aber ich habe die Neigung, Namen abzuändern, wenn ich eine Figur besser kennen lerne. Manchmal passt der Name aus der Kennenlernphase nicht mehr …)

Zeitzeugen und Spurensuche

Die hartnäckige Idee

In den vergangenen Tagen war ich auf Recherchereise – sowohl zeitlich als auch räumlich.

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Diese ganze Reise mit all ihren Eindrücken hat mich nachhaltig beeindruckt und so einiges in mir ausgelöst, das ich erst mal verarbeiten muss.
Hintergrund dieser Reise ist natürlich mein gerade in der Entstehung begriffener neuer Roman. Aus einer vagen Idee, einer einzelnen Szene, erwächst langsam eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden will. Eine Geschichte, von der ich bis vor ein paar Tagen gar nicht wusste, dass sie in mir wohnt.

Das mit der einzelnen Szene ist sonderbar, weil ich diese Art der Ideenfindung von mir gar nicht kenne. Bisher hatte ich immer ein bestimmtes Oberthema, mit dem ich mich gern beschäftigen wollte, und die Geschichten entstanden dann quasi unter dieser Überschrift.
Diesmal ist es anders.
Die ideengebende Szene war einfach da, beim Pizzaessen kam sie aus dem Nichts, grinste mich an und sagte: „Da bin ich. Und ich werde dich so lange nerven, bis du dich mit mir beschäftigst und dir die Geschichte anschaust, die ich mitgebracht habe.
Da konnte ich ja schlecht Nein sagen!

Zeitzeugen

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Und es hat sich gelohnt. Ich muss ja gestehen, dass mir die Recherche von allen Arbeitsschritten am meisten Spaß macht. Und diesmal ist sie besonders intensiv und, wie eingangs erwähnt, beeindruckend.

Über Umwege fand ich einen Zeitzeugen, der mir gern von seinen beeindruckenden Erfahrungen erzählt hat und mich an seinem sehr umfangreichen Wissen teilhaben ließ. Anschließend habe ich mich zwei Tage lang auf Spurensuche begeben, habe alte Relikte aufgestöbert, in fremden Erinnerungen gegraben, vergilbte Fotos betrachtet und immer wieder innegehalten, um dem Grauen Raum zu geben.

Jetzt sitze ich hier an meinem Schreibtisch zwischen Lektürebergen und versuche, all das wirken zu lassen und ihm den passenden Raum im Roman zu geben. Ich ahne, dass mir eine sehr emotionale Zeit bevorsteht.
Aber das ist wohl Autoren-Schicksal, denn wenn ich Leid für Leser greifbar machen will, muss ich das Leiden auch fühlen. Sonst ist es nur eine nüchterne Beschreibung.